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Leipziger Buchmesse – Im Rausch der Messe

Das Buch der Messe (Foto: Autor)

Das Buch der Messe (Foto: Autor)

Vier Messetage in Leipzig, jede Menge Besucher am Stand und Adrenalin im Blut. Die genaue Zahl der Gespräche? Nicht zu ermitteln. Der Adrenalin-Pegel? Durchweg hoch! Vier Tage im Rausch, eine Woge der Freude, die nach der Messe eine Leere zurücklässt, wie sie wohl ein Sänger nach einem Konzert empfindet. Und so ein Messe-Stand ist wirklich eine Art Bühne. Nur Stagediving, das wäre nicht ratsam, der Aufprall wäre zu schmerzhaft. Denn der Star sind die Bücher, deren Autoren, nicht die Mitarbeiter am Stand. Das sind die Handlungsreisenden.

Und plötzlich mitten im Geschehen

Einer dieser Handlungsreisenden war ich – zum ersten Mal am Stand des Fabylon-Verlags als Unterstützung von Uschi Zietsch und Gerald Jambor, den Verlagsgründern. Uschi ist als fleißige Autorin gleichzeitig das Gesicht des Verlags. Sie und ihr Mann waren angemessen im Steampunk-Stil gekleidet und machten auch optisch sofort deutlich, dass der Verlag „einen Faible fürs Fabelhafte“ hat. Um nicht ganz abzufallen, hatte ich meine „Donald Duck“-Krawatte angelegt.

Am Stand mit Uschi Zietsch (Foto: Autor)

Am Stand mit Uschi Zietsch (Foto: Autor)

Schon bei der Anreise mit dem Zug war die Anziehungskraft der Buchmesse spürbar. Der spröde Mann auf dem Sitz gegenüber arbeitete an Buch-Manuskripten, die Cosplayer auf der anderen Gangseite liebkosten ihre übergroßen Schwerter. Die Gepäckablagen quollen über, wir alle hatten dasselbe Ziel. Donnerstagmittag kam ich am Stand an und hatte eine Dreiviertelstunde, um mich einzuarbeiten. Wo sind die Listen, wo die USB-Sticks mit den Hörbüchern, die CDs mit den Hörproben und, nicht minder wichtig, wie bedient man die Kaffeemaschine? Schon waren Uschi und Gerald unterwegs und ich alleine am Stand, ein Bestandteil der Messe.

Obwohl es erst Donnerstag war, schauten bereits viele Besucher vorbei. Da kamen die Jungen und die Älteren, Mütter, die für ihre Söhne eine Hörprobe mitnahmen und Mütter, die selber lasen. Ein kleines Mädchen wollte seine Mama zum Kauf überreden. Ein etwa zwölfjähriger Junge war von einer Hardcover-Ausgabe begeistert und brauchte das seinem Vater nur zu sagen, damit dieser sein Portemonnaie zückte. Wahrscheinlich war der Papa dankbar, dass der Sohnemann auch gerne las. Denn alle hatten sie eines gemeinsam: Das echte Interesse an den Büchern. Viele kannten bereits Romane von Uschi Zietsch, viele waren auf der Suche nach neuem Stoff. Und manch einer wollte einfach nur meine „Donald Duck“-Krawatte fotografieren.

Viel Lärm um alles

Ich bekam schnell heraus, dass Uschis Hauptwerk, das Waldsee-Universum, die größte Anziehungskraft besitzt. Umso besser, dass zu Band 4 ganz frisch ein Hörbuch mit dem Schauspieler Christian Senger produziert worden war, das auf der Messe mit einer Lesung Premiere feiern sollte. Das war als Höhepunkt für Samstag geplant, am Freitag durfte erst einmal ich selbst mich auf der Messe umschauen. Zu diesem Zeitpunkt zeigte sich bereits, dass die Messe auch in diesem Jahr wieder das war, was man einen Publikumsmagneten nennt. Die Tunnel zwischen den Hallen wurden bereits an diesem zweiten Tag zu Einbahnstraßen, um den Strom der Massen lenken zu können.

Uschi Zietsch bei der Lesung (Foto: Autor)

Uschi Zietsch bei ihrer Lesung (Foto: Autor)

Als Texter bin ich immer auf der Suche nach neuen Kontakten. Dennoch überraschte mich eine neue Bekanntschaft in Halle 1 sehr: Als ich um eine Ecke bog, saß völlig unerwartet live und in Person meine derzeit liebste Comic-Zeichnerin vor mir, Olivia Vieweg, auf deren Werke ich auf dem Comic-Salon 2014 gestoßen war, die ich dort aber leider knapp verpasst hatte. Schöpferin von Comic-Romanen wie „Endzeit“ (Zombies auf dem Weg nach Jena) und „Huck Finn“ (der bekannte Twain-Charakter im heutigen Halle an der Saale), Fan von DeForest Kelley (der Ur-McCoy der Enterprise), große Freundin von Perserkatzen. So urplötzlich mit ihrer Aufmerksamkeit konfrontiert stammelte ich Offensichtlichkeiten („Sind Sie die Autorin dieser Comics?“ – puh, was für eine dumme Frage!) und konnte mich nicht entscheiden: Sollte ich meine verbliebene Hirnleistung dazu nutzen, mich für solch dumme Fragen zu schelten? Oder sollte ich sie in den verzweifelten Versuch investieren, ganz schnell bessere Fragen zu finden? Meine Gehirnhälften kämpften immer noch miteinander, als ich mit einem Autogramm freudig von dannen zog. Kurz darauf hatte ich den verspäteten Geistesblitz, dass ich Olivia Vieweg ja um ein Interview hätte bitten können. Zumindest schaffte ich es noch, umzukehren und mir ihr Einverständnis im zweiten Anlauf abzuholen. Puh, Glück gehabt!

Auf dem Weg zurück zum Stand behinderte mich Gregor Gysi – nicht persönlich, aber seine pure Anwesenheit verstopfte einen breiten Gang –, kam aber trotzdem rechtzeitig durch. Denn nun brummte der Laden so richtig, die erste Lesung Uschis stand außerdem an (aus „Fyrgar – Volk des Feuers“), da war für den Rest des Tages keine Zeit mehr für persönliche Gedanken.

Aus den Händen gerissen

Michelle Stern und Arndt Drechsler (Foto: Autor)

Samstag ist traditionell der stärkste Tag. Das galt auch für die Höhepunkte des Fabylon-Standes 2015. Michelle Stern von Perry Rhodan schaute bei uns vorbei. Sie hat im April die Ehre, als erste Frau einen Perry-Jubiläumsband, die Nr. 2800, zu veröffentlichen. Und ich hatte die Ehre, dass sie mich zum Perry-Rhodan-Stand begleitete, auf dem gerade Arndt Drechsler signierte. Das Foto der beiden gehört zu den schönsten, die ich auf der Messe geschossen habe. Nachmittags gesellte sich Christian Senger zu uns, hielt eine sehr gut besuchte Lesung aus „Nauraka – Volk der Tiefe“. Faszinierend, wie die Stimme eines Schauspielers auf der Bühne ihre Aura entwickelt. Die Leute blieben, obwohl kurz zuvor Kai Meyer gelesen hatte und nun mit einer Signierstunde lockte. Es waren genügend Besucher für uns alle da.

Den Rest des Tages rissen uns die Menschen die Hörproben und Prospekte aus den Händen, sodass wir irgendwann keine CDs mehr hatten. Aber das war nicht schlimm, denn auch wenn der Sonntag noch ein guter Tag ist, laufen hier die Menschen nur noch sehr gezielt herum. Wer an diesem Tag auf der Messe ist, geht entweder nur „Schaufensterbummeln“ oder hat einen Plan. Dafür reichten uns die Prospekte.

All good things must end

Goodbye, Leipzig (Foto: Autor)

Goodbye, Leipzig (Foto: Autor)

Gegen ein Uhr begann sich am Sonntag alles aufzulösen. Ein Stuhl war sowieso schon am Freitag unter seiner Last zusammengebrochen und musste entsorgt werden, die schweren Sachen wie zum Beispiel die Kaffeemaschine konnten in den Wagen. Ein Wandbehang war so freundlich, sich ganz von alleine abzulösen. Viel zu schnell war der Moment des Abschieds gekommen. Während Uschi und Gerald noch ausharrten, war ich bereits auf der Heimreise. Im Zug begleitete mich eine Gruppe junger Frauen, alle glühende Anime-Fans, laut genug, es allen um sie herum kundzutun. Aber das war gut so, denn ich wäre traurig gewesen, wenn es jetzt schon ruhig gewesen wäre. Das Adrenalin baute sich nur langsam ab, ich verließ die Bühne, die der Stand bot, nur ungern. Mit dem abklingenden Rausch traten erste Entzugserscheinungen auf.

Die Ruhe nach dem Sturm

Zu Hause angekommen war es dann plötzlich völlig still um mich herum. Irritierend still. Aber hilft Stille nicht beim Lesen? Geht es denn nicht auf der Buchmesse um das Lesen? Oder ist Lesen nur ein Mittel, um jederzeit Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen zu können? Und bietet die Messe somit die Gelegenheit, aus diesem Monolog einen Dialog zu machen?

Diese vielen Gespräche über das gemeinsame Hobby Bücher, die durchweg positiven Kontakte, das Glimmen der Begeisterung in den Leser-Augen beim Anblick neuer Romane, all das wird mir in Erinnerung bleiben. Für ein paar Tage „war ich Buchmesse“. Leipzig, Uschi, ihr sollt wissen: Wenn ihr mich nächstes Jahr wieder ruft, werde ich kommen!

 

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